Schweiz - zwischen Hoffnung und Härte
- barbaravanbuerck

- 25. Apr.
- 4 Min. Lesezeit

Wochen der Beobachtung
Seit Wochen zieht es mich immer wieder an denselben Ort. Ein Bachlauf im Wald, laut und lebendig. Das Wasser rauscht über Steine, bündelt sich – und stürzt schließlich über einen erstaunlich grossen Wasserfall in die Tiefe. Genau hinter diesem Vorhang aus Wasser, gut geschützt und kaum einsehbar, liegt das Nest der Wasseramseln. Ich habe sie beobachtet und mit der Zeit gelernt, ihre Wege zu lesen. Immer wieder sehe ich die Elternvögel, wie sie mit Insekten im Schnabel im Wasser verschwinden, gegen die Strömung arbeiten und kurz darauf wieder auftauchen. Ihr Ziel ist immer dasselbe. Das Nest hinter dem Wasser.

Leben hinter dem Wasserfall
Der Platz ist perfekt gewählt. Das herabstürzende Wasser schützt das Nest, verbirgt es vor Blicken und macht es für Feinde schwer erreichbar. Was zunächst wie ein Zufall wirkt, entpuppt sich als präzise Anpassung an eine raue Umgebung. Mit jeder Beobachtung verstehe ich mehr. Ich beginne zu zählen, wie oft die Eltern füttern. Ich beobachte ihre Rhythmen, ihre Wege. Irgendwann wird klar: Der Moment, an dem die Jungen das Nest verlassen, muss kurz bevorstehen. Also komme ich jeden Tag, meistens am Abend, wenn das Licht zum Fotografieren optimal ist. Immer mit der Hoffnung, diesen einen Augenblick nicht zu verpassen.
Der Sprung ins Leben
Es ist ein Samstagmorgen, dieses Mal noch früh, als ich wieder am Bach stehe. Das Licht ist hart, die Sicht schlecht. Das gleichmässige Rauschen des Wasserfalls erfüllt die Luft. Ich richte die Kamera trotzdem aus – wie so oft in den letzten Tagen. Dann bewegt sich etwas. Ein kleines Küken erscheint am Rand des Nestes, direkt hinter dem Wasserfall. Es wirkt winzig in dieser gewaltigen Kulisse aus Felsen und stürzendem Wasser. Und dann springt es. Nach langem Zögern lässt es sich in die Tiefe fallen. Die Höhe wirkt für so ein kleines Tier fast unvorstellbar. Für einen Moment verschwindet es im Wasser. Mein Herz bleibt fast stehen! Wo ist es? Dann taucht es wieder auf. Es schwimmt. Sofort, instinktiv, bewegt es sich ans Ufer, klettert aus dem Wasser und bleibt dort sitzen. Lebend.

Vier kleine Überlebenskämpfer
Kurz darauf folgt das nächste Küken. Alle sind draussen, denke ich, dem ist aber nicht so! Vier sollten es bis am Abend werden. Die Eltern beginnen sofort wieder mit der Fütterung. Es gibt keine Pause, kein Innehalten. Das Leben geht direkt weiter, als wäre nichts geschehen. Die kleinen Wasseramseln erkunden vorsichtig ihre Umgebung. Sie hüpfen über nasse Steine, verschwinden zwischen Moos und Wurzeln. Fliegen können sie noch nicht richtig. Aber sie können schwimmen.Und tauchen. Immer wieder verschwinden sie unter der Wasseroberfläche und tauchen ein Stück weiter wieder auf – erstaunlich sicher für so junge Tiere. Es wirkt fast leicht.




Die erste Nacht – und ihre Folgen
Ich verlasse den Ort an diesem Abend mit einem guten Gefühl. Vier Küken. Ein erfolgreicher Start. Doch die Natur kennt keine Sicherheit. Am nächsten Morgen ist die Stimmung eine andere. Noch bevor ich etwas sehe, spüre ich die Unruhe. Die Elternvögel rufen laut, fliegen hektisch über den Bach. Ich suche das Ufer ab. Nur ein Küken ist noch da. Die anderen sind verschwunden.
Jäger aus der Luft
Die Ursache lässt nicht lange auf sich warten. Raben. Ich sehe direkt über mir. Sie kreisen über dem Bach, beobachten, warten und setzen sich immer wieder auf einen Ast oberhalb des Nestes. Für die unerfahrenen Jungvögel sind sie eine ständige Gefahr. Das letzte Küken ist nun allein. Vier Angriffe kann ich beobachten. Viermal stürzen die Raben herab. Und viermal reagiert das kleine Tier genau richtig. Es springt ins Wasser. Taucht unter. Verschwindet zwischen Steinen und Strömung. Sekunden später taucht es an einer anderen Stelle wieder auf. Instinkt. Die Elternvögel verteidigen so gut sie können. Ihre Rufe hallen laut durch den Bachlauf, mir geht das durch Mark und Bein, sie fliegen Scheinangriffe, versuchen die Raben abzulenken. Ein verzweifelter Kampf.

Stille – und ein neuer Anfang
Dann, für einen kurzen Moment, kehrt Ruhe ein. Die Raben sind verschwunden. Das Küken sitzt am Ufer, erschöpft, aber lebend. Die Eltern kommen zurück und füttern weiter. Ohne Pause. Ohne Zögern. Später beobachte ich etwas, das den Kreislauf der Natur deutlicher macht als alles zuvor. Die Eltern beginnen, das Nest hinter dem Wasserfall wieder herzurichten. Moos wird herangetragen. Vorbereitung für die nächste Brut.
Zwischen Schönheit und Realität
Diese Wochen am Bach haben mir mehr gezeigt als nur ein faszinierendes Verhalten. Sie haben gezeigt, wie eng Leben und Verlust miteinander verbunden sind. Vier Küken beginnen ihren Weg. Eines bleibt übrig. Es ist hart. Aber es ist Teil eines Systems, das seit Jahrhunderten funktioniert. Wenn ich heute an diesen Ort zurückdenke, sehe ich nicht nur Bilder. Ich sehe den gewaltigen Wasserfall. Den mutigen Sprung ins Wasser. Und den stillen, unermüdlichen Kampf ums Überleben. Die Wasseramsel lebt zwischen zwei Welten – Wasser und Luft. Und genau dort zeigt sich, wie zerbrechlich und gleichzeitig stark Leben sein kann.

Ich komme wieder
Dieser Ort lässt mich nicht los. Ich werde zurückkehren. Weiter beobachten, weiter lernen, weiter warten. Vielleicht wieder wochenlang, wie dieses Mal. Die Wasseramseln begleiten mich inzwischen über mehr als nur einen Moment. Sie sind zu einem festen Teil meiner fotografischen Reise geworden. Und auch bei der nächsten Brut werde ich wieder dort stehen – am Bach, vor dem Wasserfall. In der Hoffnung, erneut Zeuge dieses kleinen, grossen Wunders zu werden.



Unas fotos muy buenas y una historia tan bonita y triste... como de hermosa y cruda es la vida natural. Comparto tus zozobras al 100x100. También yo me suelo pasar horas viendo los pájaros anidando y alimentando a sus crías. Son un ejemplo para los humanos porque nunca se rinden. Saludos y adeante
Kreislauf der Natur ,so schön er ist so grausam kann er sein. Danke fürs teilhaben lassen an deinem Erlebnis.
Toller Beitrag Barbara und tolle Fotos, herzlichen Dank das du uns daran teilhaben lasst. Liebe Grüsse Daniel (@satijana2020)
Ein Beitrag, der zu Herzen geht!
Liebe Grüße, Susanne (Sannes Naturfotografie)
Die Natur geht stets ihre eigenen Wege. So hart es manchmal auch sein mag. Danke für die spannende Geschichte und den Einblick in das Leben der Wasseramseln. Liebe Grüsse Gabi.