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Wien – Wildes Leben auf dem Friedhof

  • Autorenbild: barbaravanbuerck
    barbaravanbuerck
  • 21. März
  • 3 Min. Lesezeit

Der unerwartete Star

Wien hat viele Gesichter. Doch ich bin nicht wegen Kaffeehäusern oder Architektur hier. Ich bin auf der Suche nach einem Tier, das man in einer Grossstadt kaum erwarten würde. Dem Feldhamster. Und ausgerechnet ein Friedhof ist einer der besten Orte, um ihn zu finden.



Der erste Besuch - zwischen Unsicherheit und Respekt

Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Mal hier. Es fühlte sich ungewohnt an, fast fremd. Zwischen all den Grabsteinen zu fotografieren, die von Menschen zeugen, die nicht mehr da sind – das hatte etwas Ehrfürchtiges. Vielleicht sogar ein wenig Angst. Ich war unsicher, ob ich hier überhaupt fotografieren sollte. Jeder Schritt war vorsichtig, fast zurückhaltend. Die Kamera fühlte sich plötzlich schwerer an als sonst. Heute ist dieses Gefühl anders.

Die Unsicherheit ist verschwunden, aber der Respekt ist geblieben. Und genau dieser Respekt macht diesen Ort so besonders.



Geduld wird belohnt

Hamsterfotografie ist nichts für Ungeduldige. Minuten werden zu einer halben Stunde. Die Augen scannen den Boden, jede kleine Bewegung könnte entscheidend sein. Ein Rascheln im Gras, ein Schatten, der sich bewegt.

Dann plötzlich: Ein kleiner Kopf erscheint. Nur für einen Sekundenbruchteil. Doch dann kommt er ganz heraus – ein Wiener Feldhamster, vorsichtig, neugierig. Sein Fell leuchtet warm im Morgenlicht, die schwarzen und weissen Zeichnungen wirken fast zu perfekt. Er bleibt stehen. Schaut. Und genau dieser Moment gehört mir.



Auf Augenhöhe mit einem Stadtbewohner

Ich gehe langsam in die Hocke, später lege ich mich flach auf den Boden. Ich liege auf dem Friedhof - absurd! Die Perspektive verändert alles. Plötzlich bin ich nicht mehr Beobachter aus der Distanz, sondern Teil der Szene. Der Hamster wirkt grösser, präsenter. Seine Bewegungen sind vorsichtig. Er sammelt, schnuppert, verschwindet kurz im Bau – und taucht wieder auf. Ich lege mich neben seinen "Weg" und warte. Er läuft dieselbe Strecke zur Futtersuche. Immer wieder. Diese kleinen Abläufe sind es, die die Fotografie so besonders machen.



Mehr als nur Hamster – die Vielfalt des Friedhofs

Doch der Friedhof lebt nicht nur durch die kleinen Nager. In den frühen Morgenstunden stehen plötzlich Rehe zwischen den Grabreihen – fast lautlos, elegant und wachsam. Sie bewegen sich durch die Wege, als wären sie Teil dieser stillen Landschaft seit jeher. Aus den Büschen erklingt das Rascheln eines Fasans, der kurz darauf mit schnellen Schritten den Weg kreuzt. Sein Gefieder schimmert im ersten Licht, bevor er wieder im Unterholz verschwindet. Überall sind Vögel. Sie sitzen auf Grabsteinen, fliegen zwischen den alten Bäumen hin und her oder lassen ihre Rufe durch die ruhige Atmosphäre hallen.


Der Friedhof lebt!


Und manchmal, mit etwas Glück, entdeckt man etwas ganz Besonderes: Ein Wiener Nachtpfauenauge. Ein grosser, beeindruckender Nachtfalter, der tagsüber ruhig an einem Baumstamm oder einer Mauer sitzt. Seine Flügel wirken wie gemalt – mit großen Augenflecken, die fast hypnotisch wirken. Ein seltener Moment.



Leben zwischen Geschichte

Was diesen Ort so einzigartig macht, ist der Kontrast. Zwischen Grabsteinen, die von Jahrhunderten erzählen, lebt eine unglaubliche Vielfalt an Tieren. Der Friedhof bietet Schutz, Ruhe und Raum – ein Rückzugsort mitten in der Stadt. Während ich dort liege, wird mir bewusst, wie viel Leben sich an Orten versteckt, an denen man es nicht vermutet.



Meine jährliche Auszeit

Es ist nicht mein erster Besuch hier. Und ganz sicher auch nicht mein letzter.

Ich komme jedes Jahr zurück an diesen Ort. Nicht nur wegen der Fotos, sondern wegen dieses besonderen Gefühls. Die Zeit scheint langsamer zu vergehen, der Fokus verschiebt sich – weg vom Alltag, hin zu den kleinen Dingen. Die Stunden mit den Hamstern, den Rehen, den Vögeln und all den anderen Bewohnern sind für mich mehr als Fotografie. Sie sind Erholung.


Wien, wie man es nicht erwartet

Als ich den Friedhof verlasse, wirkt die Stadt plötzlich anders. Lebendiger.

Nicht nur wegen der Menschen, sondern wegen all der kleinen, verborgenen Bewohner, die hier ihren Platz gefunden haben. Der Wiener Feldhamster ist nur einer davon. Wien hat viele Gesichter. Und eines davon versteckt sich zwischen Grabsteinen – ruhig, wild und voller Leben.



 
 
 

4 Kommentare


Gast
22. März

Hallo Barbara danke für deine schöne Geschichte und die wunderschönen Bilder. Dieser Beitrag hat mein Herz berührt und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es für dich wundervolle Momente sind vom Alltag zu flüchten. Sehr eindrücklich geschrieben und einfach mega Bilder! Liebe Grüsse Doris

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barbaravanbuerck
barbaravanbuerck
22. März
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Liebe Doris

Das ist ein wunderschönes Kompliment und ich freue mich riesig darüber. Danke dafür! Es ist immer schön zu lesen, wenn sich Menschen für die Natur begeistern können.

Liebe Grüsse Barbara

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Marlene
22. März

Ein wunderschön geschriebener Blog. Macht Lust mehr davon zu lesen. Vielen Dank. Liebe Grüsse aus Bonn

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barbaravanbuerck
barbaravanbuerck
22. März
Antwort an

Vielen Dank für das schöne Kompliment! Das freut mich sehr!

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